Not just sad in den eigenen vier Wänden

Ich habe einen Freund, sozusagen mein bester. Und ich habe ein Problem, er ist krank.

Die Tage habe ich mir überlegt, dass er sich einfach den Kopf eingipsen lassen sollte. Es fühlt sich von aussen auch so an, als hätte etwas oder jemand sein Herz und sein Gehirn eingegipst. Und wenn er seine Krankheit offen zeigen kann macht es die Sache vielleicht einfacher. Aber bei meinem besten Freund sind keine offenen Wunden oder kaputten Knochen die ihr sehen könntet. Auch im inneren seines Körpers scheint alles am rechten Fleck und heil zu sein. Die Krankheit die meinen besten Freund gerade ans Bett fesselt, hat halt nur sein Gemüt in Beschlag genommen. Nur seinen Geist befallen und ist nicht wirklich vorzeigbar.

“Die stellen sich doch alle nur an.”

In einer Gesellschaft die sich über Leistung, Erfolg und Arbeit definiert ist jede Krankheit eine Katastrophe und viele schleppen sich trotz Fieber und Erkältung ins Büro. Was aber wenn du nur einen trüben Gedanken am Morgen brauchst um nicht mehr aufstehen zu können? Wenn dich duschen und anziehen so viel Kraft kostet, dass du wieder schlafen gehen willst um dann die Nacht zum Tag zu machen? Wie erklärt mein bester Freund einer Gesellschaft, ohne sich hinter dem Wort Burn-out zu verstecken, dass er gerade nicht mal in der Lage ist vor die Tür zu gehen und an manchen Tagen so aufdreht, dass er von außen wie ein unstillbarer Motor daher kommt?
Er müsste laut und offen sagen, dass er eine Depression hat. Das ist aber so verdammt schwer und es ist auch wirklich ein verdammt blödes Wort. Depression.

“Ich sitze mitten im Suppenteller und sehe den rettenden Rand nicht.”

Ich betrachte meinen besten Freund und verstehe so viel von dem was da ist und manches lässt mich nur den Kopf schütteln.
Die Krankheit ist ein Teufel. Sie schleicht sich ein. Streut Zweifel und hofft, dass du ihr nicht auf die Schliche kommst. Sie schreitet immer weiter voran und wenn du keinen guten Arzt hast (was wirklich oft vorkommt wie ich gelernt habe) und keine Menschen um dich die dir in einem guten Maß den Marsch blasen und deine Tränen trocknen können dann hast du ein echtes scheiss Problem.

Ich dachte, dass es mir leichter fällt meinem besten Freund zu helfen. Schließlich weiß ich, wie es ist Depressionen zu haben. Von 2010- 2013 habe ich gekämpft wie eine Löwin um diesen dunklen Teer aus mir heraus zu bekommen. Vier Jahre voller Schatten und Licht. Mein großes Glück war mein Hausarzt. Er hat sofort erkannt was mich nachts nicht schlafen und tagsüber nicht aufstehen lässt. Depressionen sind eine chronische Krankheit hat er gesagt und ich war wütend und weiß heute dass er recht hat. Was okay ist, denn sich selber  zu hinterfragen und neu auszutarieren kann auch ein großes Geschenk sein.

“Alle die sich Ritzen sind Borderlinerinnen.”

Ich habe viele Depressionen gesehen und kaum Eine ist wie die Andere. Jede und jeder reagiert anders in unterschiedlichen Ausprägungen. Es gibt so viele Vorurteile wie es Symptome und Verhaltensweisen gibt. Was alle eint ist die tiefe Traurigkeit die aber nicht aus den Menschen raus will. Die sie lähmt oder aufdrehen lässt. Mir sind Menschen begegnet bei deren Geschichte es mich gewundert hat, dass sie es überhaupt so weit geschafft haben.

Zurück zu meinem besten Freund. Ich kenne seine Geschichte nicht oder nur wenig. Ich dachte ich könnte ihn gut verstehen und tue das bestimmt auch an vielen Stellen. An anderen Stellen bin ich, trotz dem Wissen welches ich habe, nur fassungslos.
Mein bester Freund ist ein toller Mensch aber die Krankheit, die Depression, verändert ihn. Lässt ihn Dinge tun und sagen, die er sonst nicht sagt. Lasst ihn vergesslich und unzuverlässig werden. Von Belastung gar nicht mehr zu reden. Sie nimmt ihm jede Kraft.

“Ich fühle gar nichts.”

Was kann ich nun tun? Ich stehe neben ihm. Bin da. Höre zu oder schweige mit ihm. Lasse ihn in Ruhe oder nerve ihn. Was ich aber unter allen Umständen nicht machen darf, ist mich auf die Aasigkeit der Depression einlassen. Als Freund, Freundin, Angehörige, Mann, Frau, als nahestehende Person muss man auf sich acht geben. Sich abgrenzen. Sich Zeit nehmen und wissen wann ein Punkt erreicht ist der nicht überschritten werden soll, denn nur so kann man eine gute Stütze sein. Das es Selbsthilfegruppen für nahe Angehörige und Freunde gibt zeigt, wie schwierig auch für das Umfeld der Umgang mit Depressionen ist. “Wie geht es dir damit.” ist etwas was man als Angehörige oder Freundin selten hört aber dringend braucht, schließlich rollt da gerade ein großes Ungemach durch die eigenen vier Wände.
Es ist sehr traurig zu sehen, wie eine Krankheit einen Menschen den man mag oder liebt zum Auseinanderfallen bringt. Das mag in mancher Leute Ohren ein wenig zu übertrieben klingen, aber es ist so. Eine Depression ist eine ernst zunehmende Erkrankung die sich niemand freiwillig aussucht.
Wir könnten nun denken das Dinge wie #notjustsad etwas verändert haben. In meinem Weltbild haben sie das nicht. Ich achte peinlichst darauf, dass niemand aus meinem “neuen Leben” weiß dass ich vier Jahre Therapie und Klinik hinter mir habe. Im neuen Job verliere ich nie ein Wort darüber, weil ich befürchte stigmatisiert zu werden und bei der nächsten Erkrankung (welches das auch immer ist) sofort in eine Schublade gesteckt zu werden. Viele Menschen halten Depressionen für eine lästige aber nicht ernst zunehmende Erkrankung. Ich halte sie in vielen Fällen für tödlich.

4 Gedanken zu „Not just sad in den eigenen vier Wänden

  1. Hallo

    Erstmal möchte ich dir sagen das du eine wahre Freundin bist.
    Ich bin seid meinem 5 Lebensjahr schwer Traumatisiert und habe deswegen viele Jahre mit Angst und Schwang Zutun gehabt.
    Immer die klappe gehalten ,bis zu dem Tag meines zweiten Zusammenbruch.
    Nach 5 Jahren Therapie habe ich es geschafft wieder gesund zu werden und nutze heute meine Erkrankung und unterstütze Menschen wieder in die Genesung. Was ich gelernt habe ist das es sehr schwierig ist ganz laut zu sagen” Ich bin krank”. Um wieder Vertrauen zu sich selbst zu bekommen ,muss man sich selber erstmal eingestehen das man Hilfe brauch.
    Die meiste Angst hat man im Bereich Arbeit und Familie. In der Arbeit hat man Angst nicht mehr ernst genommen zu werden , die Anforderungen nicht mehr zuschaffen, in der Familie kennt man ja die Typischen Sprüche ” was !!Du bist Ball balla? , du musst in die klapse? Und schon verbirgt man sein Gefühl was einen so treibt, müde macht. Das man aber vorher schon nicht mehr alles hinbekommt hat ,merkt man nicht ,seine eigene Wahrnehmung ist verschoben. In manchen schichten redet man nicht gerne darüber weil viele selber krank sind und genauso denken . Wir müssen uns nicht verstecken unser Gefühl verbergen .
    Wir sind Menschen und können ein ganzen Leben meistern und wenn die Seele mal eine Pause brauch soll sie die auch haben . Ich glaube wenn dein Freund sich stark macht und ganz offen sagt das er Burn Out hat wird er mehr Verständnis bekommen als er glaubt. Dann wissen sie auch was damit anzufangen.

    Eins möchte ich noch hier lassen auch wenn in den Medien Depressionen immer Negativ dargestellt werden brauchen wir und nicht zu verstecken , nicht alle Depressiven sind Morde .
    Für deinen Freund alles gute und das er bald wieder auf den Beinen ist .

  2. Depressionen sind aufjedenfall eine tödliche krankheit. Das einzige was Hilft, dass es ernst genommen wird ist wohl offen darüber zu reden. Es ist so tragisch, dass aber genau das so schwierig ist für die betroffenen. Dein Blogeintrag ist bringt etwas voran! Ich denke für alle betroffenen kann ich ein Danke aussprechen. <3

  3. Hallo!

    Ganz stark! Sehr guter Beitrag. Ich bin seit meiner Kindheit depressiv und schreibe jetzt über mein Leben und interessante Themen rund um die Depression auf http://www.depressiv-lleben.de vielleicht schaust du mal vorbei. Sollten Fragen auftreten, kannst du mich gerne auch per E-Mail kontaktieren.

    Viele Grüße
    Dennis

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