Die Scheiße mit dem Ball

Rassismus ist nicht erst, wenn Flüchtlingsunterkünfte brennen oder Menschen verprügelt werden. 

Es war an einem sonnigen Wochenende. Wir hatten Besuch aus der Bundeshauptstadt, alles bis ins kleinste Detail war geplant und wir haben uns auf das! Derbywochenende im Ruhrgebiet gefreut. Das Derby zwischen dem BVB und Schalke04 hat schon eine besondere Aura. Es liegt ein Flirren in der Luft, eine leichte Spannung aber auch Aggression  und irgendwie Krieg. Meine Mutter ist schon immer Schalkerin. Mein Bruder, ob aus Trotz oder echter Leidenschaft, schon immer Dortmund-Fan. Da wird die gesamte Familie quasi zur Toleranz gezwungen. Wobei ich nicht müde werde zu betonen, dass meine Mutter ohnehin gut darin war uns klar zu machen, was es bedeutet tolerant zu sein. Einander zu achten.

“Bist du Schalkerin? Dann geb ich dir auch die Hand. Glück auf.”

In den letzen Tagen wurde viel über Rassismus gesprochen, über die Art der Abgrenzung die anscheinend nur nach unten funktioniert. Wahrscheinlich sind wir alle irgendwann mal irgendwie rassistisch, auch ich. Wir müssen gar nicht an den großen Rädern drehen um uns mit Rassismus und fehlender Toleranz auseinander zu setzten.

Am Tag des Revierderbys stand ich vor den Toren der Arena auf Schalke. Die Herren waren alle schon im Stadion. Ich stand noch an der Einlasskontrolle für Frauen in einem blau-weißem Meer. Allein zwischen lauter weiblichen Schalke-Fans, ist sie mir gar nicht aufgefallen und rückte erst in dem Moment in mein Blickfeld, als der Arsch neben mir noch näher an uns Wartenden heranrückte und mir ins Ohr brüllte: “Wenn du keine Titten hättest, würde ich dir jetzt in die Fresse schlagen.” Oh. Äh. Ja, da stand doch tatsächlich ein Mensch mit Titten vor mir und trug ein schwarz-gelbes Trikot. Ja sowas. “Das ist die reinste Provokation was du hier machst, da musst du dich nicht wundern wenn du einen drauf kriegst. Selber Schuld du blöde F****.” Mehrere von uns Wartenden sagten dem Arsch, er solle mal runter kommen, doch er lies sich nicht so recht davon überzeugen. Er brüllte weiter von Titten, und selber Schuld und auf die Fresse schlagen, beruhigte sich, zu meiner Erleichterung, dann aber als seine blau-weißen Freunde ihn einsammelten.

Tage später diskutierte ich mit ein paar Freunden über den Vorfall und bekam unter anderem die Meinung zu hören: “Sowas macht man auch nicht, das ist schon sehr provokant.” Mit Andersartigkeit provozieren? So provozieren, dass es gerechtfertigt ist sich beschimpfen zu lassen? Ob diese Äußerung gleichzusetzen sind mit den Äußerungen, in denen man einer Frau einen zu kurzen Rock vorwirft und einhergehende Pöbeleien und Beschimpfungen damit quasi entschuldbar werden? “Also, damit muss man als Mensch schon rechnen wenn man im Dortmund Trikot vor dem Einlass der Schalker steht. Wenn man da einen in die Fresse kriegt ist man selber schuld,” so in etwa?

“Um es für Paulskirchen-Verhältnisse mal etwas salopp zu formulieren: ich bin Borussia Dortmund-Fan. Ich habe, nun ja, etwas weniger Verständnis dafür, wie man Schalke-Fan sein kann. Und doch käme ich nie auf die Idee, Schalke Fans das Recht auf Versammlungsfreiheit zu nehmen.” Caroline Emcke

Was sich an dem Tag des Revierderbys am Eingang der Arena auf Schalke abspielte ist nur ein Vorfall von Vielen, allerdings einer der Lauteren und beschäftigt mich seitdem sehr. In schlechten Zeiten ist Klaas-Jan Huntelaar der “scheiß Holländer” an guten Tagen “einer von uns”. Eine Reihe hinter mir hat im Stadion ein Fan nicht weiter Alkohol trinken wollen, was seinen Fußball-Freund dazu brachte ihm zu sagen, er sei doch “kein Mädchen”. In einer Fußballkneipe lies sich ein weiblicher Borussia-Mönchengladbach-Fan dazu hinreißen Mats Hummels vorzuwerfen er würde immer “jammern wie ein Mädchen” wenn er gefoult werde. Im Dortmunder Fanblock macht sich mal wieder eine Rechte Gruppierung breit. Der Verein tut etwas dagegen oder eben auch nicht. Verkauft sich halt nicht so prima. Lieber mehr Familie und Friede-Freude-Eierkuchen. Echt zum kotzen!

Es stellt mich immer und immer wieder vor die Fragen: Wie viel Toleranz und einander achten gibt es wirklich im Deutschen Fußball? Im Vereinsleben? Im Fan sein? In einem Sport, indem immer noch darüber gesprochen wird, dass ein Outing nicht möglich sei. Nur weil es in vielen Dingen schon besser geworden ist, heißt das noch lange nicht, dass es gut ist. Der Fußball aalt sich zu gerne in seiner Vorbildfunktion und wird dieser aus meiner Sicht in keinster Weise gerecht. Fußball ist ein Abziehbild der Gesellschaft und in den Stadien dieses Landes zeigt sich schon länger, dass wir als Gesellschaft ein Problem haben. Ein Problem mit aufkeimenden Rechten, Homophobie und Sexismus.

Ich wünsche mir den Tag herbei, an dem sich die Spieler die schwul sind outen können und weiter ganz in Ruhe ihrem Job nachgehen können. Den Tag, an dem die Frau im Dortmund-Trikot als ein Teil dessen wahrgenommen wird was sich gerade abspielt, nämlich der Einlass zum Dööörby aller Derbys zudem nun mal Dortmunder_innen wie Schalker_innen gehören. Den Tag, an dem Homophobie, Sexismus und Rassismus zwar noch seinen Platz im Stadion hat, weil man das Alles nie wegradieren kann, aber nicht dafür Sorge trägt, dass andere Menschen nicht so sein können wie sie sind oder sich gar nicht erst ins Stadion trauen. Ich, die Fußball als Sport sehr mag, stoße bei den meisten Stadionbesuchen schnell an meine Grenzen.

 

Ich habe Karsten Jahn vom Blog Halbfeldflanke um einen Kommentar zu meinem Blogpost gebeten, da ich Fußball mag, es oft aber aus einer sehr kritischen Sicht betrachte. Ein Kommentar von Karsten Jahn:

Der Fußball. König Fußball. Was mir persönlich daran so gefällt, ist, dass er zumindest in seiner heutigen Form als beträchtlicher Teil unserer Gesellschaft, so unglaublich facettenreich ist. Da gibt’s das Spiel, als solches, was man aus den verschiedensten Blickwinkeln betrachten kann. Ich selbst konzentriere mich da am liebsten auf die Taktisch-strategische. Aber dann erstmal das drumherum. Von den Psychospielchen der Trainer angefangen, über die Marketingkampagnen der Vereine und Sponsoren bis zu den soziokulturellen Aspekten in unserer Gesellschaft, auf die Du Dich hier beziehst. Das ist vermutlich das, was den Fußball so verbindend macht. Großartig, dass wir sowas haben, oder?

Gar nicht so großartig ist natürlich, dass so, wie von Dir wunderbar beschrieben, die ganzen dunklen Stellen unserer Gesellschaft zum Vorschein kommen, die sonst vielleicht nicht so ins Auge fallen. Intoleranz ist ja kein Problem des Fußballs, das ist uns allen bewusst. Aber weil wir uns alle beim Fußball zusammenfinden, kommen plötzlich Sachen auf den Plan, die sonst eher nicht sichtbar waren.

Sexuelle Orientierung oder Geschlechterrollen als Beleidigungen heranzuziehen empfinde ich als völlig absurd. Das ist für viele Leute in meinem engeren Umfeld ähnlich. Für weite Teile der Bevölkerung, unter anderem diejenigen Vertreter aus deinen Beispielen, aber nicht. Aber die sind für mich im täglichen Leben eigentlich unsichtbar. Beim Fußball kommen halt alle zusammen und da fällt’s plötzlich auf.

Insofern ist der Fußball ein Symptom. Wir können den Menschen verbieten gewisse Dinge im Stadion zu tun oder zu sagen. Macht’s das dann besser? Oder hilft es mir nur beim ignorieren der Tatsache, dass das eigentlich unsere gesellschaftliche Realität ist? Vermutlich von beidem ein bisschen.
Und dann ist da die Frage nach der Toleranz des Anderen. Nichts ist so verbindender wie unterschiede. Ein paar der geselligsten Abende meines Lebens habe ich damit verbracht mich mit internationalen Freunden über die Stereotype der verschiedenen Heimatländer übereinander Lustig zu machen. Mein Tipp: Erzählt Euch gegenseitig wie die verschiedensten Charaktere aus Entenhausen in der jeweiligen Landessprache heißen und ihr werdet aus dem Lachen nicht mehr raus kommen.

Unterschiede sind wichtig, Einheitsbrei ist langweilig. Natürlich muss das Andere, im Zweifelsfall natürlich auch/erst recht/sogar das Fremde, geachtet werden. Aber Identitäten funktionieren nunmal über Abgrenzung. Deutsche sind pünktlicher als Italiener. Asiaten sind fleißiger als Südamerikaner. Männer sind technisch begabter als Frauen. Schalker sind bessere Menschen als Dortmunder. Nur Christen glauben an den wahren Gott. Alles dumme Vorurteile und falsch. Natürlich. Und auf Grund dessen andere zu diskriminieren ist ebenso dumm und falsch.

Gleichzeitig helfen uns Abgrenzungen gleichgesinnte zu finden. Wer mal Ausländer war, wird wissen, dass es sehr angenehm sein kann, sich mal gemeinsam über die kulturellen Eigenheiten des Gastgebers auszukotzen. Gruppenzugehörigkeit muss gefeiert werden dürfen. Und dazu gehört eben Ausgrenzung in gewisser Weise. Das kann aber in Toleranz geschehen oder eben nicht.

Gehen wir mal zurück zum Fußball. Schalke 04 verbindet eine enge Fanfreundschaft zum 1. FC Nürnberg. Ich war dort kürzlich zum Pokalspiel im Stadion der Franken. Die einen haben rote Trikots, die anderen blauen, alle stehen aber eng beieinander gehen freundschaftlich miteinander um. Beim Spiel jubeln die einen für Tore auf der einen Seite und die anderen andersrum. Hinterher trinken alle ein Bier zusammen. Das ist toll und friedlich, aber trotzdem findet dort ja eine Ausgrenzung statt. Es wird unterschieden zwischen rot und blau.

Schalke Dortmund ist dem eigentlich nicht unähnlich. Die einen gelb, die anderen blau. Die einen jubeln über Tore auf der einen Seite, die anderen andersrum. Natürlich sind das keine Freunde sondern Hauptrivalen. Entsprechend werden jeweils Lieder gesungen in denen die anderen nicht so gut wegkommen. Wo liegt jetzt wirklich der Unterschied?

Mein Vater ist Anhänger des BVBs, ich selbst Schalker. Selbstverständlich gehen wir sogar(!) am Derby Tag vernünftig miteinander um. Jeder hat Beispiele für sowas. Manchmal Familie, manchmal Freunde oder Bekannte. Letztlich sind sich Schalke und Dortmund viel zu ähnlich, als dass die Unterschiede wirklich rational vertreten werden können. Es geht also immer um Emotionen. Und die sind Menschlich. Und sehr, sehr wichtig. Manchmal aber eben auch sehr hässlich.

Die von Dir genannten Beispiele zeichnen sich in erster Linie durch hohes Maß an Aggression aus. Selbstverständlich ist das Auftauchen in Gelb in einem Meer von Blau auch provokant. Doch was wird denn provoziert? Welche Form von Reaktion? Und welche Reaktionen wären akzeptabel, welche nicht? Kein Mensch verdient es beleidigt zu werden. Niemals. Was aber wäre adäquat gewesen? Getuschel? Sich augenzwinkernd lustig machen? Freundliche Abweisung? Bevorteilung? Oder ist das einfach als normal zu empfinden? Und was würde das dann für den Rest als Gruppe bedeuten? Wenn wir mit allen gleich umgehen sollten, warum sollten wir dann überhaupt noch unterscheiden? Warum gehen wir dann nicht alle in der gleichen Farbe ins Stadion. Etwas Neutrales. Grau etwa. Und warum gehen wir dann überhaupt ins Stadion? Schließlich geht es darum zuzusehen wie irgendwer verliert.

Die letzten Sätze sind durchaus zynisch gemeint. Wir brauchen Wettstreit als Gesellschaft. So wird Entwicklung sichergestellt. Ich glaube, dass wir Abgrenzungen zwischen Gruppen brauchen. Der Mensch strebt nach Zugehörigkeiten, das macht uns Glücklich. Entscheidend ist dabei aber, dass wir bei aller Abgrenzung einander nicht ausgrenzen. Unterschiede sind gut und wichtig. Sie helfen uns dabei zu lernen und besser in dem zu werden, was wir tun. Nicht zuletzt deshalb streben in letzter Zeit viele Firmen nach „Diversity“ (siehe Charta der Vielfalt).

Es geht immer um das Miteinander. Beim Fußballgucken, beim Essen, bei der Arbeit. Emotionen sind da vorprogrammiert. Wir müssen aber unterscheiden, es darf kein Platz für Hass in einer Gesellschaft sein. Der Umgang miteinander muss Menschlich bleiben. Immer.

 

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